Schwarz fahren im Wohnzimmer

Harald Schmidt hat sich in den ersten zwei Dritteln seiner Karriere alle Pointen über die Kirche versagt, weil diese einfach viel zu leicht zu haben sind. Ein lobenswerter Ansatz, dem er aber in der letzten Zeit nicht ganz treu geblieben ist – er ist auch nur ein Mensch. Ebenso könnte man sich jedwede Pointe über die Kommunikation der Deutschen Bahn mit ihren Kunden verkneifen, da auch hier die einzelne Pointe in der Masse wertlos würde.

Allerdings besteht ein Mosaik aus vielen Teilen, da will ich heute eines hinzufügen: Mely Kiyak schrieb am 25.6. so treffend in der Frankfurter Rundschau einen offenen Brief an die Bahn, die gerade einen Sommer der Gleisarbeiten durchführt. Ähnliche Gedanken hatte ich auch heute morgen. Sie schrieb darüber, dass die Bahn Fahrten im ICE zu ICE-Preisen verkauft, der Zug dann aber mit zaghaften 90 km/h durch die Landschaft schwarwenzelt. Vorhersehbar und im Fahrplan abgebildet. Sie fragt sich, warum sie für eine Leistung bezahlt, die sie nicht bekommt. Die Bahn fühlt sich aus dem Schneider, da sie dieses Defizit durch erhöhten Service  ausgleicht. Sie spendiert eine Handvoll Schokodrops für jeden und gratis dazu das Qualitätsblatt Welt kompakt. Ich hoffe ganz feste, dass mit einem Nennwert von 80 Cent der Mehrpreis einer ICE-Fahrt zu einer IC-Fahrt noch nicht korrekt ausgeglichen ist.

Schwarzfahren mit Ticket

Die Kommunikation zwischen Bahn und Bahnfahrer geht aber schon vorher unterschiedliche Wege, nämlich beim Buchen des Tickets im Internet. Der Bahnfahrer definiert selbstständig, wie er sich im Zug mit dem selbst ausgedruckten Ticket identifizieren möchte. Kreditkarte, Personalausweis oder Bahncard stehen zur Auswahl. Dieses System lässt die unterhaltsame Situation zu, dass jemand sich mit seinem Ticket, mit seinem Personalausweis und mit seiner Bahncard im Zug identifizieren kann, aber als Schwarzfahrer gilt, da er die zuvor ausgewählte Kreditkarte nicht dabei hat. Wer auch immer sich ein solches System ausgedacht hat, ist vermutlich kein Bahnfahrer. Mir tun die Kontrolleure jedesmal leid, die einen ganzen Waggon lang Diskussionen über sich ergehen lassen müssen und meist ihr Heil in der freundlichen Geschäftigkeit suchen.

Nun hat die Bahn diese Spielregeln geändert – ohne darüber zu sprechen. In einer Fußballmannschaft wäre man damit schneller in der Dusche als gedacht. Seit einigen Wochen ist irgendwo in den Tiefen meines Kundenkontos ein kleiner Schalter umgelegt worden, ohne dass ich es getan habe und ohne, dass mir jemand gesagt hat, dass dieser Schalter umgelegt worden ist. Seit kurzem ist nämlich neben meiner Bahncard, mit der ich mich so gerne identifiziere, auch meine Kreditkarte nötig, damit ich nicht Schwarz fahre. Zum Glück habe ich diese meist bei mir, dennoch hätte mir ein Zweizeiler vor der Buchung gereicht , dass ich ab sofort unbedingt auch daran denken muss, meine Kreditkarte einzupacken.

Seit kurzem verabschieden sich die Zugchefs von ihren Gästen mit „thank you for choosing Deutsche Bahn“ statt „Thank you for travelling with Deutsche Bahn“. Ich habe keinen Alternativanbieter auf der Strecke Münster– Berlin auf der Schiene finden können, da ist das Wort „wählen“ nur halb richtig. Ich hätte aber wirklich gerne eine Wahl, vielleicht würde ein anderer Anbieter Wert auf Kommunikation legen? Vielleicht würde etwas Wettbewerb sorgfältigere Konzepte hervorbringen? Vielleicht sogar frisch gebrühten Espresso im Stehen bei Tempo 280 im Wohnzimmer der Bundesrepublik? Ich wäre schnell begeistert.

Schreibe einen Kommentar