Reklame braucht Regeln!

Jetzt kann das iPhone Werbung blockieren und die Blogs laufen heiß. Apple will mit verdienen am Zugang zum Bildschirm und führt die Schranke ein. Bisher war man mit dem Safari-Browser animierten Bannern, unangekündigten Vorab-Clips oder Overlay-Werbung wehrlos ausgeliefert. Die Marketingmenschen suchen immer neue Ritzen, durch die sie in unser Sehfeld drängen können, Programmierer sprechen längst vom UI-Desaster. Niemand möchte Werbung, aber einige brauchen Werbung. Ein harter Kampf in einem jungen Medium, das langsam erwachsen wird.

Dieses Armdrücken um Marktzugänge bringt seltsame Blüten hervor. Manche Internetseiten von Regionalzeitungen sind derart mit Bannern, bezahlten Artikeln, bezahlten Links und Overlays vollgestopft, dass der redaktionelle Inhalt nur noch wenige Prozent der Bildschirmfläche füllt. Betreiber von Blogs wiederum schimpfen auf das generelle Blockieren von Werbung, da ihnen Einnahmen entgehen, von denen sie ihren Blog betreiben. Viele Leser verstehen sehr wohl, dass es schizophren ist, kostenlosen Qualitätsjournalismus lesen zu wollen, aber die finanziell notwendige Werbung zu unterdrücken. Ihnen fehlen schlicht die Möglichkeiten, einfach und klar ein für sie zulässiges Maß an Werbung zu definieren. Bisher gab es nur ganz oder gar nicht, 0 oder 1. Wer die Tür für Werbung nur etwas öffnet, wird bombardiert wie die einzige Frau im Swingerclub. Es gibt kein Maß, es gibt keine regulierenden Kräfte aus den Redaktionen, daher sind Adblocks oft Notwehr.

Zurückhaltung schafft Vertrauen! 
Ich lebe und arbeite in Münster und bin jedesmal überrascht, wie viele Touristen es in diese kleine Stadt zieht. Sie bewundern den Prinzipalmarkt (Bild oben, Quelle: Wikipedia), der nach dem Krieg mehr oder weniger original wieder aufgebaut wurde. Sie bewundern die Kulisse und das Gesamtbild. Sie machen Fotos, kaufen Eis und Schuhe und fahren wieder heim. Sie erzählen, wie schön Münster ist.

Der Prinzipalmarkt liegt innerhalb einer Zone der Innenstadt, die sehr strengen Regeln unterliegt, wie Außenwerbung aussehen darf. Das Gesamtbild wird hier als wertvoll angesehen und darf nicht durch wilde Farben, zu große Außenschilder oder gar Videoflächen beeinträchtigt werden. Alle Geschäfte am Prinzipalmarkt müssen sich diesen Regeln unterordnen. Sie verzichten auf eine laute Außendarstellung und gewinnen dadurch ein enormes Plus an Publikumszahlen.

Hier zeigt sich, dass Werbung für sich alleine eingesetzt recht wirkungslos bleibt. Viele Seiten im Netz, die von Werbung leben, sind nicht wie der Prinzipalmarkt, sondern eher wie eine Ausfallstraße durch ein Industriegebiet. Es ist laut, grell und unübersichtlich. Hier macht niemand Pause, hier möchte niemand bleiben. Man ist hier, weil man etwas braucht und danach ist man schnell wieder weg. Die Werbung wird auf Seiten, die wie eine solche Ausfallstraße sind, allergrößtenteils ignoriert oder direkt geblockt. Als Besucher einer solchen Seite habe ich zudem permanent Sorge, mir irgendetwas einzufangen, das Geld kostet oder meinen Rechner zum toten Rechner macht.

Eine redaktionelle Internetseite kann aber mehr sein als nur eine Druckbetankung mit Tickermeldungen. Bestenfalls geht es um Reflexion, Nachdenken und Vertiefen. Das braucht ein entsprechendes Umfeld. Ein Umfeld, das nicht wie das Industriegebiet ist, sondern eher wie der Prinzipalmarkt. Wenn die Leser der Redaktion vertrauen können, dass ihre Aufmerksamkeit in guten Händen ist, bleiben sie länger. Sie lesen mehr und beachten vielleicht auch die Anzeigen. Die Werbetreibenden verzichten auf eine laute Außendarstellung und gewinnen dadurch ein enormes Plus an Publikumszahlen.

Bringt das was? Ich denke, auf jeden Fall! Wenn sich Anbieter und Nutzer auf ein Maß zulässiger Werbestörung einigen können, werden beide Seiten enorm profitieren. Das fühlt sich zunächst nach Einschränkung an, ist aber sehr schnell ein echter Gewinn. Die Mieten am Prinzipalmarkt sind fünfmal höher als im Industriegebiet. Denkbar wäre auch die Möglichkeit, nicht mit Geld zu bezahlen, sondern eine Art »pay-with-deblocking« einzuführen. Wenn mir eine Seite gefällt, kann ich kurz meinen Adblock deaktivieren und damit dem Blogbetreiber Einnahmen verschaffen. Ich wäre dabei!