Die Krise der Lokalzeitungen ist hausgemacht

Ich liebe Zeitungen! Ich liebe es, mich durch die Texte zu rascheln und den Tag lesend zu beginnen. Unter der Woche habe ich nicht die Zeit für eine ganze Zeitung und kann mich ehrlich gesagt auch nicht auf eine Tageszeitung festlegen. Daher kaufe ich am Wochenende sehr gerne die FAS oder die ZEIT und ziehe mich für ein, zwei Stunden damit in einen Sessel zurück, um anschließend bester Laune zu sein.

Die Westfälischen Nachrichten (WN) wollen sich nun als die Tageszeitung meines Vertrauens anbieten, allerdings auf recht unglückliche Weise. Seit ein paar Wochen liegen ausgerechnet Sonntags stapelweise Gratis-Leseproben der WN vor unserem Haus, die bisher jemand diskret im Altpapier entsorgte. Nun habe ich schließlich doch eine mit hoch genommen und habe dann seufzend das gleiche getan.

Ich vermute, die WN möchte mit ihrer Gratisprobe einen ersten Eindruck verschaffen, wie es so wäre, wenn jeden Morgen eine Zeitung mit am Tisch wäre. Eine prima Gelegenheit, bei der man sich von seiner besten Seite zeigen sollte.

Die WN sieht das offenbar anders. Sie verklappt alte Artikel, paid content, Kreuzworträtsel und jede Menge Werbung in einer Leseprobe. Diese Leseprobe der WN besteht aus nur einem einzigen Mantelbogen, der mit zeitlosen lokalen Meldungen gefüllt ist (also vermutlich Archivware), dazu unrelevante sogenannte Servicebeiträge, über die Max Goldt schon alles gesagt hat und dazu Sportklatsch mit Kreuzworträtseln.

Liebe WN, ich liebe Zeitungen, wirklich. Aber mit dieser Leseprobe zeigt ihr sehr deutlich, dass ich euch als Zeitung lieber nicht haben möchte. Belanglose Beiträge mit zwei Schubkarren Werbung, das finde ich überall und überall besser. Die Energie für diese Leseproben wäre sinnvoller eingesetzt für guten Lokaljournalismus, dessen Meldungen als Teaser im Netz frei sind, aber dann hinter einer Paywall liegen. Diese Paywall sollte kein Abomodell für das Komplettpaket sein, sondern eine Abrechnung nach gelesenen Artikeln ermöglichen. Der Einsatz von Werbung sollte so sein, dass die Arbeit der Redaktion im Vordergrund steht. Also keine Animationen, keine Overlays, keine blinkende Fokuskonkurrenz. Wer seine Leser ernst nimmt, hält die Werbung im Zaum. Diese Leseprobe zeigt das traurige Gegenteil. Ich zahle gerne für guten Journalismus und ich wäre bei oben beschriebenem Modell sofort dabei. So lieber nicht.

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Der Titel mit Grußwort und Archivbeitrag.

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Diese Artikel lagen schon lange im Archiv rum, sind aber noch wie neu: Ein weiter Weg zum Marathon, Leine löst sich bei starker Spannung, Name führt in die Irre, Pippi wird niemals alt, Handel mit Verbotenem, Jung oder Mädchen ist die Frage.

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Der Sportteil über das Karrierejubiläum von Roger Federer, der schon erstaunliche 17 Jahre Tennis spielt. Rechts gemischte Veranstaltungsmeldungen aus Ihrer Region

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die Relevanz-Seite: Kreuzworträtsel, Sudoku und ein luftiger Beitrag über den Blumengroßmarkt.

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Rückseite (also die achte und letzte Seite Redaktion): ein Fahrbericht als schlecht versteckter paid content und Eigenwerbung.

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Der Beileger wiegt doppelt so viel wie die Zeitung alleine.

 

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Und der Beileger hat wiederum einen Beileger. Seufz.